25.6. 13:44
Staatlicher Jugendschutz im Internet stösst ganz offensichtlich an seine Grenzen, ist aber durchaus eine valide Fragestellung, auf die es Antworten geben muss, die nicht Green Dam oder andere staatliche oder privatwirtschaftliche Filtersysteme heissen. Die Idee, dass Webseitenbetreiber selbst eine FSK-ähnliche Einschätzung abgeben, mag bei Pornographie noch relativ leicht funktionieren, und seriöse Anbieter sind, soweit ich das weiss, auch ohne weiteres bereit, diese Kennzeichnung vorzunehmen. Etwas schwieriger wird es mit anderen Seiten, die sich nicht so leicht einschätzen lassen.
Es geht, soweit ich verstanden habe, in der Forderung in erster Linie um das WWW, und ich beziehe mich bei meinen Anmerkungen auch nur darauf, schlicht aus dem Grund, weil die Betrachtung und die Lösungsansätze wesentlich einfacher sind als bei anderen Diensten. Vor allem will ich verhindern, dass wir die Zensur- und die Jugendschutzdebatte miteinander vermengen, so dass wir keine sinnvollen Alternativen sehen und auf argumentative Totalblockade schalten.
Es gibt verschiedene Systeme zur Bewertung von Inhalten auf Webseiten, die alle mehr oder minder schlecht sind. Der Grund dafür ist, dass diese Bewertungen entweder von staatsnahen Projekten in Eigenregie oder von der Industrie oder in einer Mischform durchgeführt werden deren Interessen nicht immer ganz klar sind. Das Problem dabei ist, dass, sobald es beispielsweise um politisch gefärbte Seiten geht, eine Einschätzung schwierig werden kann, da es schnell wie Zensur anmutet. Als Beispiel dafür sei jugendschutzprogramm.de (Jusprog) daher genommen (ist wirklich vollkommen beliebig gewählt ist), die von von Beate Uhse, Freenet, Orion und anderen, also kommerziellen Anbietern betrieben wird. Ich habe keine Ahnung, welche Rolle dieser Jugendschutzfilter in der Realität wirklich spielt und ob das irgend jemand wirklich ernsthaft einsetzt, aber ich gehe mal davon aus. Hier einige beliebige Beispiele, wie Seiten dort bewertet sind:
- rotten.com wird geblockt
- youporn.com wird geblockt
- taz.de: “Default ab 14″
- ccc.de: “Foren/Messenger/Blogs”
- myspace.com: “Drogen” (sic!)
- 4chan.org: “Sex-Seite ‘hard’”
- youtube.com: “Private Pages Soft”
- npd.de: “Extremismus”
Die Seiten der demokratischen Parteien scheinen sich nicht in der Liste zu befinden.
Unklar ist dabei, wer diese Bewertung letztendlich vornimmt. Auf einer Seite steht dazu “Wir beschäftigen seit 2003 ein zweiköpfiges Rating-Team, welches die Seiten prüft und bewertet”. Nun sind zwei Leute nicht eben viel um das WWW zu bewerten und die beiden können dabei nur versagen, auch wenn sie automatisierte Hilfe haben. Und das Abfrage-Interface nach eingetragenen Seiten ist allerschlimmstes Web 0.1 ohne API oder ähnlichem. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, wie man als Betreiber davon zur Kenntnis gelangt, dass eigene Seiten mit einer bestimmten Wertung dort aufgeführt sind.
Was fehlt: Es fehlt eine Möglichkeit, transparent zu dokumentieren, warum eine Seite in solch einer Liste gelandet ist. Wenn man das Ganze noch mal etwas weiter denkt, kommt man sehr schnell darauf, dass es mit generischen Filtern noch ein anderes Problem gibt: Während die einen Eltern meinen, bestimmte Inhalte seien für ihr Kind schädlich, kann es durchaus sein, das für andere Eltern genau diese Inhalte vollkommen in Ordnung für ihre Kinder finden. Das setzt natürlich voraus, dass die Eltern Medienkompetenz besitzen und bedeutet im Umkehrschluss, dass Eltern, die ihre Kinder einfach vor einen Fernseher oder Computer setzen und ihre Ruhe haben wollen, tätig werden müssen. Letztendlich sind es aber die Eltern, die entscheiden sollten und in die Pflicht genommen werden müssen, was sie ihren eigenen Kindern zumuten wollen und was nicht. Ich denke nicht, dass es die Aufgabe des Staates oder von Firmen sein kann, dies für die Eltern zu entscheiden.
Was also fehlt ist so etwas wie del.icio.us für Eltern, die dort völlig frei Seiten selbst in so ein System aufnehmen, bewerten, kommentieren und mit Tags versehen können und am Ende auf Basis ihrer eigenen und der Bewertung anderer Eltern eine Filterliste kreieren können, die auf ihre Kinder wesentlich besser passt. Auch da kann es vorkommen, dass dort Seiten in Filtern landen, wo man sich fragt, warum die jugendgefährdend sein sollen. Aber es wäre ein transparenter Prozess, vor allem, wenn man den Seiten-Betreibern die Möglichkeit gibt, ihre Seiten zu kommentieren und sogar auf Kritik von Seiten der Eltern zu reagieren.
Sicher gäbe es im Detail viel zu diskutieren, und die Frage ist auch, wer so etwas finanziert, plant und betreibt. Es ist auch mit einigem Aufwand verbunden, nämlich von Seiten der Eltern. Aber ich finde, das ist durchaus ein Weg, der eine Überlegung wert ist und alle Mal besser als das, was ich da schon wieder um die Ecke huschen sehe.
Update: Kris hat mir über Twitter noch zwei interessante Links zum Thema zukommen lassen:
Danke, Kris!